Eine Nacht auf dem Dome

Der Dom ist ein Spazierort bei Dorpat, der die Stadt überragt. Auf demselben stehen die Trümmer eines Domes, nach dem der ganze Platz den Namen führt.

1.

Unter mir in stillem Frieden
Liegt die Stadt im Mondenstrahl,
Durch die öden Straβen rasselt
Nur ein Wagen manchenal

Hier und dort aus einem Fenster
Schimmert noch ein Lichtlein matt,
Auch dort aus dem Carcer glänzt es –
Was der Wohl verbrochen hat?

Nur wir Beide wandeln einsam
Durch die Gänge auf und ab;
Schmerzlich süβ gemahnt’s mich daran,
Was ich längst verloren gab.

Mich ergreift in solchen Nächten
Heimweh, - unaussprechlich bang
Klingt’s in meiner Brust, drin manche
Frohe Saite schon zersprang.

Warum siehst du mich so fragend,
Warum mich so zweifelnd an?
Ach! Was ich gelebt – geliebet –
Wie ein holder Traum zerrann

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2.

Siehst du hier die alten Mauern?
Wie sie abgebröckelt sind.
Früher war es eine Kirche,
Jetzo pfeift hindurch der Wind.

Lang verstummten hier die Glocken,
Auch der Orgel Ton verklang,
In den sangverlass’nen Hallen
Seufzt der Nachtwind hohl und bang.

Aber wo die neuen Fenster
Glänzen in des Mondes Schein,
Dorten stehen tausend Bücher,
Und die Musen alle Neun.

Göttinnen sind’s – himmlisch schöne –
Ueberglücklich ist der Mann,
Dem die holden Himmelstöchter
Günstig sind und huldvoll nah’n.

Doch erröthend wenden sie sich
Ab von Jedem, wer es sei,
Der um ihre Neigung buhlet;
Ihre Gunst und Gab’ ist frei.

Hier in unsern Ostseeländern
Leiert mancher Hummerjan,
Der da meint, die Himmelstöchter
Hörten ihn sehr gerne an.

Wenn du jemals dies Geleier
Hörst, so glaube nur, von dem
Ganz das Gegentheil gerade
Ist den Musen angenehm.

Aber frage deinen Vater,
Er muβ wissen, süβes Kind,
Denn er ist ja ein Professor,
Was doch wohl die Musen sind.

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3.

Aus des Domes alten Trümmern
Tönt es oft wie Orgelklang,
Wie versammelter Gemeinde
Voller, schwellender Gesang.

Unsichtbare Hände reiβen
An dem Glockenstrang mit Macht,
Und ein wunderbares Läuten
Klinget durch die stille Nacht.

Weiβ nicht, was es soll bedeuten,
Doch ergreift’s mich wunderbar,
Lang entschwund’ne Zeiten steigen
Vor mir auf, ich seh’ sie klar.

Eine schöne Jungfrau wohnet
In den Trümmern lange schon,
Und es rufet herzzerreiβend,
Oft heraus ein Klageton.

Manchesmal erscheint sie selber,
Ach! ihr Antlitz ist so bleich,
Und aus ihren Augen dämmert
Ein verlor’nes, schönes Reich.

Hab’ sie auch einmal gesehen,
Ganz wie jetzt das Mondlicht schien,
Und die Nachtluft strich gelinde,
Säufelnd durch die Bäume hin.

Ist mir doch, als säh’ ich wieder
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Ja das ist sie, ganz wie damals,
Trübe – traurig – gramesmatt –
Auf der Nachtluft Flügeln schwebt sie
Weiter über diese Stadt.

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5.

Allzu schnell ist sie entflohen,
Und in furchtbeschingter Haft
Sinkt ihr letzter Stern hinunter,
Und der schöne Mond erblaβt.

Denn schon mit den Rosensingern
Klopft die Morgengöttin facht
An der Schläfer stille Fenster,
Und bald sind sie aufgewacht.

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Teosest
lk 51–62