Traumwanderung durch Dorpat

Der Morgenmond ruht auf den Dächern;
Gedämpfer Hahnenruf von fern.
Hoch in den himmlischen Gemächern
Löscht Gottes Odem Stern um Stern.
In lichtem Maigrün steh’n und prangen
Die Bäumchen an dem Embachstrand: -
Im Traume bin ich so durchgangen
Die Musenstadt im Heimathland.

Erst längst der Embachpromenade, -
Dann über’n Marktplatz auf den Dom.
Die wackre Fuhrmannskavalkade,
Die schlummerte wohl noch „at home“.
Fern in der Ritterstraβe hallte
Gedämpfter Schritt, der leis entwich;
Und unverändert sag das Alte
Mich an so still und feierlich.

Am Marktplatz, auf der „kur’schen Ecke“,
Da hemmt’ ich meinen Träumerlauf.
Schau, Schau, die Köhler’sche Ap’theke
Macht schon die frühen Läden auf! –
Ein Milchmann rasselt durch die Straβe,
Am Kutschbock schwankt ein Birkenreis –
Ich faβ mich träumend an der Nase - - -
Es ist der erste Mai – ich weiβ.

Nun schallen helle Serenaden
Und grüne Mützen schimmern froh;
Vom Maifest schwanken schwergeladen
Drei fromme Brüder Studio.
Am Barklan-Platz mit lautem Singen,
Da lagen sirch im Gras die Drei;
Champagnerpfropfen seh’ ich springen –
Und Gröbendorf ist auch dabei!

Jetzt stehe ich mit hellem Staunen
Vor Luchfinger’s hör’ ich raunen
Von längstverwichner Pumperei.
Hier war das Ziel einst meiner Wünsche,
Daβ ich es ehrlich nur gesteh’! –
Und der famosen Arrakpünsche
Gedenk ich noch mit stillem Weh.

Schon taucht im ersten Morgengrauen
Die Otiumbrücke aus dem Grün.
Du lieber Dom, so darf ich schauen
Noch einmal deine Bäume blüh’n!
Noch einmal darf ich hier versäumen
In deinen schattigen Allee’n,
Noch einmal die Ruine träumen
Und grünumwuchert prangen seh’n.

Der Lärchenbäume zartes Leuchten
Im Grunde setzt dem Blick ein Ziel;
Da tummeln schon in Morgenfeuchtenn
Zwei Schüler sich im Kurni-Spiel.
Durch Morgenduft und Maigrün läutet
Das Glockenspiel von St. Marie’n,
Und weiter muβ ich, sanft geleitet
Vom Heimweh, meine Wege zieh’n.

Nun steh’ ich an der alten Mauer,
Wo sich der Sternwart-Thurm erhebt,
Und schau’ mit leiser Rührung Schauer
Ein Bild, das mir im Herzen lebt.
Da ruht die alte Stadt wie immer,
Von frischem Mailaub grün umkränzt;
Das Rathausdach im Morgenschimmer
Wie pures, blankes Silber glänzt.

Die grauen Giebel schmückt mit Rosen
Das Frühroth warm und farbensatt:
So strömt das Herz des Heimathlosen
Den Segen auf die Vaterstadt!
Im Maiengrün der Heimathbäume
Enthüllt sich mir ihr liebes Bild –
Und friedlich rauscht in meine Träume
Der Quell, der aus der Heimath quillt.
Teosest