Jubiläum

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Getragen von der Sehnsucht Wogen,
Sind wir, die Knaben jung und alt,
Zur fernen Mutter hingezogen,
Von der ein Festruf war erschallt;
Zur Mutter, hoch vom Kind verehrt,
Weil sie’s an ihrer Brust genährt,
Zur alma mater, die uns winkt
Dort, wo des Embachs Welle blinkt,
Wo seit der Väter grauen Tagen
Der Musen sonn’ge Tempel ragen.

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Hoch steh’ ich wieder auf dem Dom
Und grüβend rauscht die traute Welle;
Doch siehe da! Der dunkle Strom
Was spiegelt er in prächt’ger Helle?
Er spiegelt Licht und wieder Licht,
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Läβt in der Seele Lichter flammen
Und leiht dem Leben wieder Schwung.
Und wie die Funken lustig sprüh’n,
Die Straβen und die Häuser glüh’n,
Da spricht ein Strahl am hellsten doch:
Mein altes Dorpat ist es noch!

Sei mir gegrüβt, o Musenstadt,
An Livlands Baum, du grünstes Blatt,
Wo ich so köstlich einst geschwärmt,
An allen Gluthen mich gewärmt,
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Dort, wo den Dachstuhl Lichtlein krönen,
Ich einst fidel im Carcer saβ;
Ich hatt’ ein Pereat gerufen
Diabolus, o schnöder, dir!
Doch heitrer winken dort die Stufen
Der alten Burschenkneipe mir.
Im „dumpfen Saal“ dort oben lacht’ ich
Zur Diätetik, die ich hört’,
Und hier an stiller Ecke bracht’ ich
Mein erstes Ständchen ungesärt.
Da blick ich auf: aus „Liebchens Haus“
Ein Lockenköpfchen schaut heraus,
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Fort geht’s zum Markt, dem Ehrenplatz,
Hin, wo in voller Majestät
Der braven Burschen Heerbann steht.
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Im wirren Kampf, der lodernd glühte,
Sie gründeten ein stattlich Haus,
Und wanden Livland’s Jugendblühte
Zu einem düstereichen Strauβ,
Und weihten ihn in heil’ger Stunde
Zu der Livonia Bruderbunde.
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Und hoch und herrlich glänzt die Liebe
Zu dir, erhab’ne Wissenschaft;
Die wilden Ranken, üpp’gen Triebe
Beredelst du mit zücht’ger Kraft.
Dir hat so Mancher sich gegeben
Ganz hin zu starker Willensthat,
Der Tiefe reichen Schatz zu heben,
Erhellte Dorpat seinen Pfad.
Die Stirn, die von der Arbeit tropft,
Umweht der Musen hold Gespinnste,
Und dir das Herz entgegenklopft,
Du Gott der schönen, freien Künste!

Doch höher und am höchsten steht,
Die Liebe, die am tiefsten geht!
Das bist du, heiligstes der Bande,
Das sich um uns in Dorpat wob,
Du Liebe zu dem Vaterlande,
Die adlergleich uns oft erhob.
Du hast in all’ der Jahre Flucht
Gemahnt, getrieben uns zu Thaten,

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Denn wie die Väter einst verbündet
Livonia's Heimath hier gegründet,
So wissen wir, des Söhne Schaar,
hält an dem Worte treu und wahr,
Am groβen Wort: wer kämpft und ringt,
Den keine Macht der Welt bezwingt! –

Drum, brave Jugend, steh bereit
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Von Dorpat’s Born der Wissenschaft
Laβ neu und immer neu dich tränken,
Von dorther schöpf’ die stete Kraft
Dich treu in Arbeit zu versenken,
Und doch am Staube nicht zu kleben,
Nein, auf zum Lichte dich zu heben,
Zu kämpfen frei mit Herz und Hand
Für Menschenwohl und Vaterland!

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Seid ihr dann auch Philister mal,
Und will des Lebens Vorhang sinken,
Denkt ihr zurück an’s Embachthal,
Wo euch die alten Bilder winken:
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Sein Flügelschlag zur Heimath strebt,
Und glücklich, wenn ihr’s dann erlebt,
Nach Dorpat durch die Luft zu steuern,
Um Jubilaeum dort zu feiern!
Teosest
lk 78–89