Auf dem Dom zu Dorpat

Dorpat, holde Augenweide,
Sei gegrüβt im laub’gen Kranz!
Wie ein Bräutlein im Geschmeide
Funkelst du im Maienglanz.
O wie war ich doch so lange,
Traute Stadt, von dir entfernt,
Immer war nach dir ich bange,
Hab’ die Freude fast verlernt.

Wieder kann ich mich ergehen
Auf dem wunderschönen Dom,
Häuser, Gärten übersehen
Und den raschen Embachstrom.
Welch ein seliges Erinnern!
Still versenkt in Lust und Ruh’,
Frag’ ich mich im tiefsten Innern:
Bist wohl noch derselbe du? –

Lieben, glauben, hoffen, - lieben!
Ja, ich kann’s noch für und für!
Daβ mein Herz so jung geblieben,
Wem verdank’ ich’s, wenn nicht dir?
Dir verdank’ ich’s, Stadt der Musen,
Daβ noch nicht erstarb mein Sang,
Daβ noch heut’ mir aus dem Busen
Froh entquillt ein heller Klang.

Würd’ge Herren Professoren,
Euch zu Füβen nahm ich Platz,
Leider war an mir verloren
Eurer Weisheit reicher Schatz.
Eurer Lehren ein Versäumer,
Wie verlor ich meine Zeit!
Ach, ich war ein arger Träumer, -
Hehre Schatten, o verzeiht! –

Schlanke, blaugeaugte Mädchen
Sind noch immer hier zu Haus;
Nun Gottlob, im Musenstädchen
Starben sie noch lang’ nicht aus.
/---/
Livlands Hoffnung, Landessöhne,
Ich begrüβ euch stolz und froh.
Eure kräftigen Gestalten,
Farb’ger Hut und Burschenlied,
Wie gemahnen sie den Alten
An die Zeit, die längst verblüht.

Lieben Brüder, die geteilet
Einst mit mir der Jugend Glück,
O wohin seid ihr geeilet?
Blieb sein Einz’ger denn zurück?
Auf den alten trauten Stellen
Einsam wollen, ist mein Loos; -
Ihr entfloht, wie Embachwellen
In den fernen Meeresschoβ.

Täglich ziehet eng und enger
Sich um mich des Lebens Kreis,
Drum vernehmt vom grauen Sänger,
Jungen Söhne, das Geheiβ:
Nur ein Grab in Dorpats Erde
Sei in Ehren ihm bereit,
Drin zu ruh’n von der Beschwerde,
Von des Lebens Drang und Streit.
Teosest