Dorpat beim Eintritt und Abschied

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Erdmann, Carl. Dorpat beim Eintritt und Abschied. Luuletus
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I.

So liegst du nun vor meinen Blicken.
Die, wer dich auch nur kannte, pries,
Wirst du auch mich also beglücken,
Wie es ein Jeder mir verhieβ?
Wirst du dem dunklen Jugendstreben
Nach dem unsichern Ideal
Ein festes, edles Ziel auch geben,
Das würdig wäre seiner Wahl?

Hier haben lang vor mir gelebet
Sie Alle, die mir theuer sind,
Wonach auch immer sie gestrebet,
Wohin sie trug des Glückes Wind,
Stets gabst du der Erinnerung Feuer,
Und das, was ihnen einst so lieb,
Was über Alles ihnen theuer,
In Dorpat hier zurück verblieb.

Was sind die Schätze, die du hegest?
Wie heiβt denn dieser Talisman?
Daβ sich beim Worte „Dorpat“ reget
Ein Jeder, der noch fühlen kann;
Daβ in dem Manne, in dem Greise
Das Jünglingsfeuer sich erhebt,
Daβ in so manchem Freundeskreise
Erinnerung an Dorpat lebt.

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II.

So lebt denn wohl, ihr schönen Stunden –
Vorüber ist die Jugendzeit;
Die Freunde, die ich hier gefunden,
Den traulichen Genossenkreis,
Sie nehm’ ich mit in’s Mannesleben,
Sie sind das herrlichste Geschenk,
Das mir mein Dorpat konnte geben, -
Dem bleib’ ich ewig eingedenk.

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Doch Muth, das Feuer dieser Zeiten
Hat nicht vergebens uns geglüht,
In Ewigkeit wird uns geleiten
Ein Band, das unsre Brustumzieht,
Und auch im Alter, bis zum Grabe,
Hält eines uns doch ewig jung,
Die herrlichste der Jugendgaben,
Die ewige Erinnerung.

Erinnerung an alles Schöne,
Was wir als Jünglinge erlebt,
An Alles, was als Livlands Söhne
Wir einst gehofft, gedacht, gestrebt;
Wie sollte mir nicht ewig bleiben
Das, was ich heute hier verlieβ?
Mein ganzes Leben, Wirken, Streben,
Es war mein irdisch Paradies!

III.

Worin besteht denn dieses Schöne?
Was ist’s denn, das so theuer mir?
Ist’s Becherklang? Sind’s Liedertöne,
Mit Freunden und Gefährten hier?
Ist’s bloβ das ungebundne Leben,
Ist es der sinnliche Genuβ,
Was auch den Mann von höhrem Streben
Unwiderstehlich reizen muβ?

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So ist’s denn Freiheit, Liebe, Streben,
Was Dorpat uns so theuer macht;
Verwirklicht ist im Burschenleben,
Was uns der Jugendtraum erdacht;
Und Jugend selbst im Zauberglänzen,
Die ist’s, die ihm den Reiz verleiht,
Drum ist von allen Lebenskränzen
Der schönste doch die Burschenzeit.

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