Domgesang

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Friedländer, Theodor. Domgesang. Luuletus
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Horch! Gesang tönt von der Ecke,
Welche man die rig’sche nennt.
Alle Wege, Busch und Hecke
Sind besetzt; das Volk, es rennt.

Kullen, Dörpter und Ruthenen,
Obscurant und Spermandrill
Kamen her; auch viele Schönen
Hören’s an und seufzen still.

Mädler hört’s auf feiner Warte,
Zieht die Runzeln von der Stirn,
Findet aus der Himmelskarte
Gleich ein nagelneu Gestirn.

„Gott sei Lob, das war das zwölfte
Neuentdeckte Himmelslicht!“ –
Minna, seine greise Hälfte,
Macht vor Freude ein Gedicht.

Wie der Chor nun rein und sicher
In der Domruine klingt,
Hüpfen die verbot’nen Bücher,
Weil man Schleswig-Holstein singt.

Kranke in der Klinik drinnen,
Sie genesen schnell und leicht,
Da in Eil’ die Wärterinnen
Keine Medicin gereicht.

Und wie toll, daβ Gott erbarme!
Um den Schlächtertisch herum
Tanzen Köpfe, Beine, Arme
Auf dem Anatomicum.

Aber auch lebend’ge Leute
Rührt der Lieder voller Klang:
(Stärker wogt das Leben heute
Alle locket der Gesang.

Ach, durch des Tenores Blüthe
Wird manch’ schönes Kind bedroht,
Und daβ sie ihr Herzchen hüte,
Thäte manchem Mägdlein Noth.)

Auf der Klinik unter Stöhnen
Seufzt der Wöcherinnen Chor:
„Herr, gieb unsern künst’gen Söhnen
Auch solch’ herrlichen Tenor!“

Aus dem Carcer lauscht mit Freuden
Ein verbiss’ner Stipendiat,
Und verzeiht dem Rex die Leiden,
So er ihm verursacht hat.

Berg hinauf und Berg hinunter
Zieht der Bursch den Dom entlang.
Alle Vöglein werden munter
Stimmen ein in den Gesang,

Schweben dann aus Frühlingswinden
Auf gen Himmel leichtbeschwingt,
Um es weithin zu verkünden,
Daβ der „Rigauer“ heut’ singt.