An der Steinbrücke in Dorpat zur Zeit der Überschwemmung

I.

Und er schäumt und tost
Um die alten Quadern
Mit wildem Grimme
Und zornigem Hadern.

Und wühlt an dem Felsen
Und sprizt zurücke
Und spülst an den Pfeilern
Hinauf zu der Brücke.

Und rüttelt im Trotze
Am Brüzkenfuβ
Und drängt sich vorüber
Mit drohendem Gruβ.

Wer hat dich gereizet,
Was macht dich so wild,
Daβ dein Wasser dir toset
Und grollet und schwillt?

Und flieht aus dem Bett,
Dem gewohnten, alten,
Und läβt sich nicht fesseln
Und läβt sich nicht halten

Und dringt in die Häuser
Mit suchendem Fuβ?
Was hast du verloren,
Was suchst du, mein Fluβ?

II.

Embach, Embach!
Ruhe, Ruhe!
Du aber stürmst
Und rauschest und rollst
Die schäumenden Fluthen
Und tobst und grollst
Und peitsch’st wie mit Ruthen
Das finstere Thor,
Das mit dräunendem Ruf,
Deinen Lauf zu stillen,
Der Zarin Willen
Dir befehlend schuf.
Und es quillt und schillt,
Daβ die Fluth erdröhnt
Und heult und stöhnt,
Bis sie felsumschnürt,
Unwillig säumend,
Sich knirschend und schäumend
Zum Grunde verliert.
Doch dann hält sie’s nicht länger:
Sie stürzet hervor
Und zischt empor,
Empor, empor,
Weiβ bekränzt,
Daβ sie weithin glänzt,
Die schwankende Welle,
Und mit fiebernder Schnelle,
Mit zitternder Hast,
Ohne Ruh’, ohne Rast
Geht’s weiter fort
Dem Peipus zu:
Da stürzest du
Zu ewiger Ruh’
Hinein, hinein
In die todte See. –

Sie nimmt dich auf
In den weiten Schooβ,
Läβt nimmer dich los –
Muβt still dort liegen
In der Wassergrust,
Muβt still dich fügen
Dem befehlenden Wort,
Muβt nun ruhig sein,
Mit verstohlenem Grimme
Gehorchen der Stimme,
Die hersschend ruft:
Ruhe, Ruhe,
Embach, Embach!

III.

Dumpfen Schalles
Tönen die Wogen
Und hemmen den Lauf
An der Brücke Bogen
Und rütteln am Steine
Mit zornigem Muth:
Du stolzes Gemäuer,
Sei auf der Hut!

Sie wollen’s nicht tragen,
Das engende Joch,
Und sie wollen’s zerschlagen –
Und tragen’s doch! – –

Sie schütteln nur heftig
Die weiβen Häupter
Und schäumen empor
An dem alten Bau
Der stolzen Zarin
Und schütteln und rütteln
Am festen Granit.

Doch sie stürmen vergeblich
Wild an die Pfeiler:
Sie bersten im Prallen
Und röcheln nur dumpf
An der Brücke Bogen,
Am verhaβten Joch,
Die stolzen Wogen –
Und tragen’s doch!
Asukoht teoses
lk 29–30